Montag, 30. Januar 2006

Timis 2-Wagen in Rumänien

Hubert G. Königer

Die R.A.T.T. hat 1994 eine Schrift mit dem Titel «Monografie: 125 ani Tramvai 1869 – 1994» herausgegeben, aus welcher ich die hier gemachten Angaben genommen habe unter Vorbehalt meiner schlechten Rumänisch-Kenntnisse.

Nachdem das Hauptdepot des Temesvárer Trambetriebes am Bd. Take Ionescu wegen der umliegenden Bebauung nicht mehr vergrössert werden konnte, wurde ein neues Depot im Dâmbovita-Viertel gebaut und 1969 in Betrieb genommen. Hier werden auch heute noch ausser der Tram die «Firibusse» = Trolleybusse beheimatet und gewartet. Ausserdem baute man eine heute nicht mehr vorhanden Halle zur Produktion neuer Tram, die erst 1970 fertig wurde. Der Grund war, dass man wegen der in Temesvár engen Radien einen eigenen Fahrzeugtyp bauen wollte, mit dem man auch Chancen zum nationalen Export sah. Von vornherein plante man auch die Herstellung von Gelenkwagen. Interessanterweise wurden 1970 aus der Bundesrepublik (!) 40 Facharbeiter, Techniker und Ingenieure für zwei Jahre ausgeliehen, um den Aufbau der Fabrikation nach europäischen Standarts sicherzustellen. Die Firma wurde 1972 vom Trambetrieb getrennt und nannte sich Electrometal-Timisoara bzw. ELTIM.

Nach oben erwähnter Monografie ist das erste, noch in den Werkstätten des Depou 1 (Take Ionescu) gebaute Fahrzeug der Prototyp Timis-2-Triebwagen mit der Nr. 231, der 1969 ausgeliefert wurde. 1970 wurden dann zwei weitere Triebwagen mit den Nummern 232 und 233 gebaut. Gleichzeitig kamen die ersten drei Beiwagen heraus, die die Nr. 1 bis 3 trugen. Nach meiner Beobachtung zur Ceausescu-Zeit wurden zu den Triebwagen immer die «dazugehörenden» Beiwagen eingesetzt (also z.B. 231+1; 306+76 etc.).

1982 wurde ein sechsachsiger Gelenkwagen-Prototyp in Art der Timis-2-Wagen gebaut. Er erhielt die Typenbezeichnung Timis-V2, die Betriebsnummer Nr. 230 und war wegen zahlreicher technischer Probleme selten im Planeinsatz zu sehen. 1989 war er bereits abgestellt.

Etwa 1987/88 wurde ein zweiter sechsachsiger Gelenkwagen gebaut, diesmal aber in einem moderneren, den Bukarester V2A/V3A nachempfundenen Design. Dieser Wagen war bei der Revolution im Dezember 1989 weitgehend fertiggstellt und lackiert. Eine Wagennummer war nicht angeschrieben. Leider wurde er, vermutlich ohne einen Meter selbstständiger Fahrt zurückgekegt zu haben, mitte der 90er Jahre in seiner Fabrikationshalle(!) abgebrochen.

Hier die Timis-2-Wagen für den Tram-Betrieb Temesvár nach Baujahren gegliedert (in Klammer Zahl der Garnituren):

1969: 231 (1/2)
1970: 1, 232+2, 233+3 (2 ½)
1971: 234+4 – 236+6 (3)
1972: 237+7, 238+8 (2)
1973: 239+9 – 243+13 (5)
1974: 244+14 – 254+24 (11)
1975: 255+25 – 272+42 (18)
1976: 273+43 – 293+63 (21)
1977: 294+64 – 313+83 (20)
1978: 314+84 – 323+93 (10)
1979: 324+94 – 330+100 (7); Bestand 1979: 100 Garnituren
1980, 1981: keine Lieferung
1982: 331+101 – 332+102 (2)
1983: 333+103 – 335+105 (3)
1984: keine Lieferung
1985: 336+106 – 338+108 (3)
1986: 339+109 – 343+113 (5)
1987: keine Lieferung
1988: 344+114 – 351+121 (8)
1989: 352+122 – 359+129 (8)
1990: 360+130 – 364+134 (5); total 134 Garnituren.

Der Bestand von 1994 wird angegeben mit 134 Triebwagen, 122 Beiwagen und 1 Gelenkwagen. Die im BS-Strassenbahnatlas Rumänien 2004 genannte Zahl von 131 Garnituren kann ich anhand meiner Unterlagen nicht nachvollziehen.

In der Monografie sind zwei Unklarheiten nicht aufgeführt:
1) Die Garnitur 360+130 soll ex Resita 41+42 sein, was durchaus möglich ist. Der Deal wurde aber bestimmt nicht direkt zwischen Resita und Timisoara abgewickelt, sondern jeweils mit ELTIM.
2) Eine Garnitur aus der Serie 231+1 – 259+29 soll an Oradea abgegeben worden sein und dort die Betriebsnummern 64+136 erhalten haben (Quelle: Lehnhart, Jeanmaire/Strassenbahnbetriebe in Osteuropa II/Verlag Eisenbahn, Villigen AG: 1977; Seite 16). Welche Garnitur das war, ob Timisoara dafür einen Ersatz gekriegt hat oder die ausgeliehene Garnitur zurückbekam, ist unbekannt.

Es ist auch nicht sicher, ob alle genannten und schlussendlich von der RATT gelieferten Fakten, Zahlen und Nummern stimmen. Mit Fahrzeugnummern nimmt man es dort nicht so genau. So hat man die Museumswagen ohne Nummern gelassen, weil die Originalnummern nicht mehr feststellbar waren.

Leider bin ich bis heute weder an ein Fabrikverzeichnis der ELTIM gekommen noch an Fahrparkstatistiken anderer Städte, die Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der Timis-Wagen zulassen.

Die Timis-Wagen waren nirgens beliebt wegen ihrer hohen Schadanfälligkeit. Die ersten 14 Triebwagen hatten noch eine elektrische Ausrüstung von Kiepe; danach wurde auch der E-Teil in Timisoara hergestellt. Ab den 80er Jahren erliess die rumänische Regierung Restriktionen beim Kauf ausländischer Rohmaterialien. So wurden bestimmte, aus dem Ausland bezogene Metalle durch heimischen Stahl ersetzt. Aluminium durfte bei Tram- und Busbau nicht mehr verwendet werden.

Bei meinem letzten Besuch in Temesvár im April letzten Jahres war kein einziger Timis-Wagen mehr im Planeinsatz. Schade; ich habe die Wagen gemocht. Aber ich musste ja mit ihnen auch nicht arbeiten bzw. zur Arbeit pendeln...

Die offiziellen Namen des Verkehrsbetriebes waren bis 1990 I.T.T. = Intreprinderea de Transporturi Timisoara und ab 1990 R.A.T.T. = Regia autonoma de transport Timisoara.

Nach Ansicht meiner dort geborenen Frau waren die Bezeichnungen «Temeschburg» und «Temeswar» (mit w) unter den Deutschen wenig in Gebrauch. Üblich bei den Banater Schwaben war «Temesvar».

Der Typ Timis 1 entstand übrigens ab 1962 (auch bei ITT) durch die Rekonstruktion älterer Zweiachser. Die Wagen sahren den Electroputere-Neubauwagen von 1955 recht ähnlich. Die Baureihe umfaßte lediglich 9 Züge (Tw 71-79 und Bw 21-29).

Hier noch ein paar Bilder, mit einer Ausnahme von mir gemacht:

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Am 18. August 1985 erwischte ich das einzige Mal den Gelenkwagen Timis V2 mit der Nr. 230 in der Fabrikstadt im Einsatz auf TL 2.

timisv319946qq
Der zweite Gelenkwagen hier in der ELTIM-Fabrik, ca. 1994. Das Bild bekam ich aus Rumänien und ist irgendeiner Zeitschrift entnommen; ich weiss leider nicht, welcher.

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Am 10. August 1990 fotografierte ich über den Zaun der noch existierenden Tram-Fabrik. Im Vordergrund die Gleise der TL 3 nach Freidorf. Die Fahrzeuge in blau-weiss sind vermutlich für Resita bestimmt, könnten aber auch die Serie 360+130 – 364+134 sein, die u.U. Resita’er Gleise nie gesehen hat.

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Der schon recht heruntergekommene Wagen 245 hält am Piata Libertatii. 08. September 1993.

timis2zchn4dz
Zuletzt noch eine Zeichnung, die nach einer sehr schlichten Übersichtsskizze eines Firmenprospektes entstand.


wir danken dem Autor für die Erlaubnis, den Text und seine Fotos hier zu veröffentlichen

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